„Ist nicht so wichtig …“ – Wenn du deine Bedürfnisse schon beim Aussprechen kleinmachst

Du würdest gern mal wieder Zeit mit einer Freundin verbringen. Du willst etwas mit deinem Partner besprechen. Oder du möchtest bei der Arbeit fragen, ob du bei einem spannenden Projekt dabei sein kannst.

Eigentlich weißt du ziemlich genau, was du möchtest. Und trotzdem hörst du dich sagen:

„Ich würde mich freuen, wenn wir mal wieder etwas zusammen machen. Aber nur, wenn du Zeit hast. Ist auch überhaupt kein Muss.“

„Ich würde dir gern erzählen, was mich gerade beschäftigt. Ist aber nicht dringend.“

„Falls ihr noch jemanden für das Projekt sucht, hätte ich Interesse. Falls das vielleicht passt.“

Du hast etwas ausgesprochen, das dir am Herzen liegt. Und beinahe gleichzeitig versucht, es möglichst unwichtig klingen zu lassen.

Vielleicht ist dir dabei gar nicht bewusst, wie schnell das passiert. Noch bevor du darüber nachdenken kannst, hast du deinen Wunsch schon abgeschwächt.

Es kann sein, dass es sich für dein Nervensystem unsicher anfühlt, wenn andere mitbekommen, wie sehr du dir etwas wünschst. Plötzlich wird sichtbar, wie viel dir die andere Person und ihre Antwort bedeuten. Vielleicht spürst du dabei Anspannung oder sogar Scham, obwohl du eigentlich nur etwas ganz Menschliches möchtest. Den Wunsch kleinzureden, kann dann eine vertraute Art sein, dich vor diesem unangenehmen Gefühl zu schützen.

Wenn du möchtest, dass andere sich ganz von selbst für dich entscheiden

Du möchtest schließlich niemanden unter Druck setzen. Du möchtest, dass deine Freundin sich mit dir trifft, weil sie wirklich Lust darauf hat. Dass dein Partner dir zuhört, weil er Interesse daran hat. Und dass du bei einem Projekt mitarbeiten kannst, weil man dir die Aufgabe zutraut.

Die Vorstellung, jemand könnte dir zuliebe Ja sagen, obwohl die Person eigentlich Nein meint, fühlt sich unangenehm an. Wenn sich jemand verpflichtet fühlen könnte, ist es vielleicht schwer, dich wirklich gemeint zu fühlen.

Vielleicht hoffst du deshalb, dass die andere Person von selbst auf die Idee kommt. Dass deine Freundin dich fragt, ob ihr etwas unternehmen wollt. Dass dein Partner von sich aus nachfragt, wie es dir geht. Oder dass du für das Projekt angefragt wirst, ohne dich selbst ins Gespräch bringen zu müssen. Dann wäre klar: Die Initiative kam von der anderen Person. Sie wollte es wirklich.

Und du müsstest gar nicht erst zeigen, wie sehr du darauf gehofft hast. Denn wenn du deinen Wunsch offen aussprichst, weiß die andere Person auch, wie viel dir ihre Entscheidung bedeutet. Vielleicht fühlt sich das so an, als hätte sie plötzlich mehr Macht über dich. Vielleicht schämst du dich sogar dafür, überhaupt so sehr auf ein Ja zu hoffen. Als solltest du unabhängiger sein oder weniger brauchen.

Und wenn die Person dann Nein sagt? Dann kann es sich anfühlen, als hätte sie sich ganz bewusst gegen dich entschieden. Also erklärst du vorsichtshalber gleich, dass es überhaupt nicht schlimm wäre, wenn es nicht klappt.

Wenn andere gar nicht merken, wie viel dir etwas bedeutet

Stell dir vor, du fragst eine Freundin:

„Hast du vielleicht Lust, am Wochenende etwas zu machen? Aber wenn du lieber einen ruhigen Tag brauchst, verstehe ich das total.“

Sie antwortet: „Ja, ich glaube, ich brauche wirklich mal einen Tag für mich.“

Du sagst: „Klar, alles gut!“

Und bist enttäuscht.

Du hättest sie gerade wirklich gern gesehen. Vielleicht war die Woche anstrengend und du hättest dich auf gemeinsame Zeit gefreut. Vielleicht hast du sogar gehofft, dass sie von sich aus einen anderen Termin vorschlägt. Aber das möchtest du dir nicht anmerken lassen. Also wechselst du schnell das Thema.

Deine Freundin weiß womöglich nichts von deiner Enttäuschung. Sie hat eine Einladung gehört, bei der du ausdrücklich gesagt hast, dass es genauso gut anders sein kann. Ähnlich kann es bei der Arbeit passieren. Du erwähnst, dass dich ein bestimmtes Projekt interessieren würde, schiebst aber gleich hinterher, dass du auch mit deinen bisherigen Aufgaben zufrieden bist. Deine Vorgesetzte hört daraus vielleicht, dass du kein besonders großes Interesse hast.

Später wunderst du dich, wieso niemand so richtig auf deine Wünsche eingeht. Vielleicht war für die anderen schlicht nicht erkennbar, wie wichtig sie dir sind.

Wieso es sich manchmal sicherer anfühlt, wenig zu wollen

Vielleicht kennst du dieses unangenehme Gefühl, wenn du dich sehr auf etwas gefreut hast und dann merkst, dass die andere Person deine Begeisterung nicht teilt. Du hast dir schon ausgemalt, wie schön es werden könnte. Und plötzlich stehst du mit deiner Vorfreude irgendwie allein da.

Die Absage kann sich dann nach mehr anfühlen als einem Nein zu einem bestimmten Vorschlag. Für einen Moment fühlt es sich an, als wärst du selbst nicht gewollt.

Und manchmal kommt zur Enttäuschung noch ein zweites Gefühl: Scham.

Wieso macht mir das jetzt so viel aus?

Ich sollte damit klarkommen.

Vielleicht versuchst du sogar, dich selbst davon zu überzeugen, dass es dir gar nicht so wichtig war. So kann es mit der Zeit zur Gewohnheit werden, die eigenen Erwartungen lieber etwas niedriger zu halten. Oder zumindest so zu tun.

Was wäre, wenn dein Wunsch einfach mal stehen bleiben dürfte?

Vielleicht wäre es interessant, beim nächsten Mal auf diese kleinen Nachsätze zu achten. Auf das „Ist aber nicht so wichtig“, obwohl du schon länger darüber nachdenkst. Oder auf das „War nur so eine Idee“, obwohl du dir insgeheim wünschen würdest, dass jemand begeistert darauf eingeht.

Vielleicht bemerkst du schon, bevor du deinen Wunsch aussprichst, dass du angespannt bist. Dass du im Kopf durchspielst, wie die andere Person reagieren könnte. Oder dass du nach einer Formulierung suchst, die möglichst wenig Druck macht.

Dann könntest du dir einen kleinen Moment Zeit nehmen. Spüren, wie du gerade sitzt oder stehst, den Kontakt deiner Füße zum Boden wahrnehmen und einmal bewusst ausatmen.

Und dich fragen: Was genau macht mir gerade Angst?

Dass die andere Person sich verpflichtet fühlen könnte? Dass sie Nein sagt? Oder dass sie merkt, wie sehr du auf ihre Zusage hoffst?

Du musst das Gefühl nicht sofort verändern. Vielleicht hilft es dir schon, zu bemerken, was gerade in dir passiert, bevor du etwas sagst.

Und vielleicht gelingt es dir dann, den Satz einfach so stehen zu lassen:

„Ich würde mich freuen, wenn wir am Wochenende etwas zusammen machen.“

„Ich würde dir gern erzählen, was mich gerade beschäftigt.“

„Ich hätte Lust, bei dem Projekt mitzuarbeiten.“

Punkt.

Das kann sich erst einmal ungewohnt anfühlen. Fast ein bisschen fordernd, obwohl du gerade nur gesagt hast, was du möchtest.

Vielleicht hilft dir dabei der Gedanke, dass andere Menschen deine Wünsche kennen und sich trotzdem frei entscheiden können. Sie können auch etwas dir zuliebe tun, weil sie sich freuen, dir eine Freude zu machen. Das macht ihre Entscheidung nicht weniger freiwillig.

Und natürlich kann die Antwort trotzdem Nein lauten. Vielleicht trifft dich das mehr, als du erwartet hast. Dann könntest du versuchen, erst einmal wahrzunehmen, was die Absage in dir auslöst, ohne deine Enttäuschung sofort wegzuerklären. Schade. Ich hätte mich wirklich gefreut.

Wie viel von dem, was du möchtest, kommt eigentlich bei anderen an?

Vielleicht bist du jemand, der ziemlich gut darin ist, die Wünsche anderer wahrzunehmen. Du hörst aufmerksam zu, denkst mit und überlegst, was für andere gerade passen könnte.

Bei deinen eigenen Wünschen prüfst du dagegen womöglich zuerst, wie sie ankommen könnten. Manchmal merkst du erst im Nachhinein, dass du enttäuscht bist oder dir eigentlich etwas anderes gewünscht hättest.

Dabei hätten die anderen vielleicht gern mehr von dir gewusst. Vielleicht hätte deine Freundin einen anderen Tag vorgeschlagen. Vielleicht hätte deine Vorgesetzte dich für ein späteres Projekt im Kopf behalten.

Es gibt keine Garantie dafür, dass andere auf deine Wünsche eingehen. Aber sie können sie leichter berücksichtigen, wenn sie wissen, was du möchtest.

Und vielleicht beginnt es schon damit, dass du selbst etwas genauer hinschaust: Wie fühlt es sich für dich an, wenn jemand weiß, dass du dir etwas wirklich sehr wünschst?

In meinem nervensystemorientierten Coaching können wir uns solche Momente genauer anschauen. Was passiert in dir, bevor du einen Wunsch äußerst? Wieso fühlt es sich manchmal so unangenehm an, auf eine Antwort zu warten? Und wie könntest du mit der Enttäuschung umgehen, wenn die Antwort anders ausfällt, als du gehofft hast?

Über die Autorin: Josephine Brinckmann ist Life Coach und Paarberaterin in Kiel. Sie begleitet Menschen und Paare, die sich in ihren Beziehungen mehr Sicherheit und Verbindung wünschen. Zu ihr kommen Menschen, die viel grübeln, sich häufig anpassen oder Angst haben, zu viel oder nicht genug zu sein. Sie arbeitet systemisch und nervensystemorientiert – in Kiel und im Einzel-Coaching auch online.

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