Du sagst „Ja“, obwohl du eigentlich Nein sagen wolltest

„Kannst du das noch kurz übernehmen?“

Eigentlich weißt du sofort, dass du Nein sagen möchtest. Du hast genug zu tun, dein Tag ist ohnehin voll und vielleicht hattest du dir sogar vorgenommen, heute früher Schluss zu machen. Trotzdem hörst du dich sagen: „Ja, klar.“

Es ist nur ein kurzer Moment. Danach geht das Gespräch weiter und vielleicht denkst du zunächst gar nicht mehr darüber nach. Bis du wieder allein bist und merkst, dass du dich ärgerst. Nicht unbedingt über die andere Person. Eher über dich selbst.

Warum habe ich einfach Ja gesagt?

Du wolltest eigentlich Nein sagen

Vielleicht kennst du solche Situationen nicht nur aus der Arbeit. Jemand fragt, ob du am Wochenende noch etwas übernehmen kannst. Eine Freundin möchte sich spontan treffen, obwohl du eigentlich Ruhe brauchst. In der Familie wird etwas von dir erwartet und du möchtest niemanden enttäuschen.

Und immer wieder passiert etwas Ähnliches: Du weißt ziemlich genau, was du möchtest, und sagst trotzdem etwas anderes.

Manchmal geht das so schnell, dass du dein eigenes Zögern kaum bemerkst. Du spürst kurz dieses „Eigentlich möchte ich nicht“ – und bevor du richtig darüber nachdenken kannst, hast du schon zugestimmt.

Vielleicht kommt danach sogar erst einmal Erleichterung. Die andere Person ist zufrieden und es gibt kein unangenehmes Gespräch. Bis du später bemerkst, dass du selbst eigentlich gar nicht zufrieden bist.

Warum ein Nein so schwer sein kann

Ein Nein ist nur ein Wort. Und trotzdem kann es sich erstaunlich groß anfühlen.

Vielleicht tauchen sofort Gedanken auf: Was denkt die Person dann von mir? Bin ich egoistisch? Eigentlich könnte ich es ja machen. So schlimm ist es doch nicht.

Plötzlich geht es gar nicht mehr darum, ob du etwas möchtest. Du überlegst, ob du das Recht hast, es nicht zu wollen.

Vielleicht hast du irgendwann gelernt, sehr aufmerksam in Hinblick darauf zu sein, was andere brauchen. Du merkst schnell, wenn jemand enttäuscht ist, spürst Veränderungen in der Stimmung und möchtest Harmonie herstellen, bevor es unangenehm wird.

Dann kann ein Nein sich wie ein Risiko anfühlen: Jemand könnte enttäuscht sein, sauer werden oder dich weniger mögen. Und wenn dir Zugehörigkeit besonders wichtig ist, kann es sich sicherer anfühlen, dich selbst ein kleines Stück zurückzunehmen.

Wenn du dich selbst erst später bemerkst

Das Schwierige daran ist: Vielleicht merkst du dein eigenes Bedürfnis erst, nachdem du schon zugesagt hast.

Im Moment selbst denkst du: „Das geht schon.“ Eine Stunde später: „Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust dazu.“ Und abends kommt vielleicht noch der Ärger dazu: Warum mache ich das immer?

Manchmal bist du dann nicht nur erschöpft oder überfordert, sondern auch wütend. Auf die andere Person, auf die Situation und vielleicht vor allem auf dich selbst.

Dabei hat die andere Person möglicherweise gar nichts Unfaires getan. Sie hat gefragt. Du hast Ja gesagt.

Vielleicht geht es nicht darum, zu lernen, sich im Außen abzugrenzen. Vielleicht darfst du zuerst lernen, deine eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.

Was möchte ich? Was ist mir gerade zu viel? Was brauche ich?

Manchmal ist die Antwort ganz einfach: „Ich möchte heute Abend allein sein.“ „Ich kann diese Aufgabe gerade nicht zusätzlich übernehmen.“ „Ich brauche ein bisschen Zeit, bevor ich antworte.“

Das sind keine großen Forderungen. Aber vielleicht fühlen sie sich trotzdem ungewohnt an.

Du musst nicht sofort Nein sagen

Vielleicht ist der erste Schritt deshalb gar nicht, beim nächsten Mal besonders selbstbewusst „Nein“ zu sagen. Wenn sich das nicht stimmig anfühlt, darf der erste Schritt vielleicht so aussehen:

„Ich schaue kurz, ob ich das schaffe.“

„Ich denke kurz darüber nach.“

„Ich melde mich später dazu.“

Dieser kleine Abstand kann viel verändern. Zwischen der Frage eines anderen Menschen und deiner Antwort entsteht ein Moment, in dem du dich selbst wahrnehmen kannst.

Will ich das wirklich? Oder habe ich gerade Angst davor, jemanden zu enttäuschen?

Eine Grenze heißt nicht, dich von nun an immer für dich zu entscheiden oder nur noch deine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Vielleicht reicht es zunächst, überhaupt mitzubekommen, dass du eigene Bedürfnisse hast.

Was, wenn du die Enttäuschung anderer nicht sofort lösen müsstest?

Du sagst Nein. Die andere Person wirkt kurz enttäuscht. Und dein erster Impuls ist vielleicht sofort: Oh Gott, jetzt muss ich das erklären.

Du möchtest es wieder gutmachen, deine Entscheidung zurücknehmen oder schnell etwas anderes anbieten.

Aber was wäre, wenn du die Enttäuschung des anderen Menschen nicht sofort auflösen müsstest?

Vielleicht darf jemand enttäuscht sein. Und du darfst trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben.

Das bedeutet nicht, dass dir die andere Person egal ist. Vielleicht ist eine ehrliche Grenze sogar verbindlicher als ein Ja, das du eigentlich nicht meinst und später bereust.

Grenzen beginnen nicht beim Nein

Vielleicht beginnt eine gesunde Grenze deshalb viel früher – nicht erst in dem Moment, in dem du „Nein“ sagst, sondern bei dem Moment, in dem du bemerkst: Da ist ein Nein. Da ist Müdigkeit. Da ist Überforderung. Da ist der Wunsch nach Ruhe. Da ist etwas, das ich eigentlich anders möchte.

Du musst diesem Gefühl nicht sofort folgen. Aber du kannst anfangen, es ernst zu nehmen.

Denn vielleicht hast du dir angewöhnt, die Bedürfnisse anderer Menschen so schnell wahrzunehmen, dass deine eigenen erst auftauchen, wenn es schon zu spät ist.

Vielleicht geht es nicht darum, weniger für andere zu tun

Vielleicht möchtest du weiterhin hilfsbereit sein. Vielleicht bist du ein Mensch, dem andere wichtig sind und für den es selbstverständlich ist, sich zu kümmern.

Es geht nicht darum, weniger zu geben. Es geht darum, dich selbst nicht zu übergehen.

Du darfst für andere da sein und trotzdem merken, wann deine Kraft gerade nicht reicht. Du darfst jemanden lieben und trotzdem eine Grenze haben. Du darfst jemanden enttäuschen und trotzdem ein guter Mensch sein.

Vielleicht ist das der eigentliche Schritt

Vielleicht wirst du beim nächsten Mal wieder gefragt: „Kannst du das noch kurz machen?“

Und vielleicht spürst du dieses kleine Zögern. Früher hättest du es vielleicht übergangen. Diesmal bemerkst du es.

Du atmest kurz durch und fragst dich: „Was möchte ich eigentlich?“

Vielleicht sagst du Ja. Vielleicht sagst du Nein. Vielleicht brauchst du erst Zeit, um es herauszufinden.

Aber diesmal hast du dich selbst mit in die Entscheidung genommen.

Und vielleicht ist genau das ein Teil von innerer Sicherheit: nicht immer das Richtige für alle anderen zu tun, sondern dich selbst in deinen Entscheidungen nicht mehr zu übergehen.

Du musst nicht lernen, weniger Rücksicht zu nehmen. Vielleicht darfst du lernen, dich selbst genauso mitzudenken.

Diesen Weg musst du nicht allein gehen.

Wenn du dich häufig dabei beobachtest, dass du deine eigenen Bedürfnisse erst bemerkst, wenn du schon über deine Grenzen gegangen bist, kann es spannend sein, genauer hinzuschauen: Was macht ein Nein für dich so schwierig? Wovor möchtest du andere – und vielleicht auch dich selbst – schützen? Und was würde sich verändern, wenn deine eigenen Bedürfnisse in deinen Entscheidungen genauso vorkommen dürften wie die der anderen?

Wenn du verstehen möchtest, warum es dir schwerfällt, Grenzen zu setzen oder die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, können wir gemeinsam schauen, welche Muster dahinterliegen – und wie du mehr Sicherheit und Handlungsspielraum entwickeln kannst.

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