„Dann eben nicht“ – wenn du nach einer Verletzung nur noch weg willst
Vielleicht habt ihr gestritten. Oder es passiert etwas, das dich trifft. Die andere Person sagt etwas, zieht sich zurück oder reagiert anders, als du gehofft hast.
Und manchmal geht es dann ziemlich schnell.
Dann eben nicht.
Du wirst härter. Möchtest das Gespräch abbrechen. Weg. Vielleicht taucht sogar der Gedanke auf: Dann beende ich das jetzt.
Manchmal sagst du diesen Satz laut. Manchmal bleibt er nur in deinem Kopf. In diesem Moment fühlt er sich vollkommen ernst an.
Wenn auf Verletzung plötzlich Härte folgt
Dieser Wechsel kann erstaunlich schnell gehen. Eben hast du dich noch verletzt, enttäuscht oder zurückgewiesen gefühlt. Und dann ist da plötzlich etwas fast Trotziges:
Ist mir doch egal.
Dann bin ich halt weg.
Vielleicht kennst du diese Seite an dir und wunderst dich hinterher selbst darüber. Denn eigentlich ist es dir nicht egal. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil.
Gerade weil die andere Person dir viel bedeutet, kann das, was gerade passiert ist, so weh tun. Und manchmal legt sich über dieses verletzliche Gefühl ziemlich schnell eine Härte - wie eine Art Schutzschicht. Nicht bewusst. In dem Moment selbst merkst du vielleicht selbst kaum noch, wie getroffen du eigentlich bist.
Wenn dein Nervensystem einen Ausgang sucht
Wenn Nähe plötzlich sehr schmerzhaft wird, kann dein Nervensystem versuchen, möglichst schnell Abstand herzustellen. Diese Reaktion wird häufig als „Flight“ beschrieben.
Das fühlt sich in dem Moment wahrscheinlich nicht nach einer Nervensystemreaktion an. Es fühlt sich eher sehr klar an: „Ich muss hier raus.“
Vielleicht hast du vorher noch gehofft, dass die andere Person auf dich zukommt, dich versteht oder dir zeigt, dass du ihr wichtig bist. Und plötzlich willst du nicht mehr warten. Nicht mehr hoffen. Nicht mehr davon abhängig sein, was als Nächstes kommt.
Dann gehe eben ich.
Plötzlich bist du die Person, die handelt. Und das kann sich nach der Unsicherheit für einen Moment ziemlich kraftvoll anfühlen. Vielleicht ist es auch eine unbewusste Art, wieder etwas Kontrolle zu spüren, nachdem du dich kurz vorher ziemlich ausgeliefert gefühlt hast.
Wenn Beziehungsabbruch plötzlich wie die Lösung wirkt
Manchmal ist es für einen Moment leichter, wütend zu sein als verletzt. Leichter zu denken „Dann kannst du mich mal“ als zu spüren: Das hat mich gerade richtig getroffen.
Vielleicht wird dann aus Traurigkeit Wut. Aus Sehnsucht Rückzug. Und aus „Bitte sieh mich.“ wird „Lass mich in Ruhe.“ Manchmal funktioniert das sogar kurz. Du fühlst dich stärker, entschlossener, weniger abhängig.
In diesem Zustand kann auch der Gedanke an eine Trennung auftauchen.
Dann hole ich meine Sachen.
Dann melde ich mich nicht mehr.
Dann muss ich mich damit nie wieder auseinandersetzen.
Vielleicht sagst du im Streit tatsächlich etwas wie: „Dann hat das hier keinen Sinn mehr.“ Vielleicht bleibt der ganze Gedanke nur bei dir.
Wenn gerade nur noch „Ich muss hier raus“ da ist
In diesem aktivierten Moment muss vielleicht noch nicht geklärt werden, was das alles für eure Beziehung bedeutet.
Es könnte erst einmal reichen zu sagen:
„Ich merke, dass ich gerade nur noch weg will. Ich brauche eine Pause, bevor wir weiterreden.“
Oder:
„Ich bin gerade so aufgewühlt, dass ich nicht weiß, was davon ich morgen noch genauso sehen werde. Ich möchte jetzt erst einmal für mich sein.“
So bekommt dein Wunsch nach Abstand Platz, ohne dass du in diesem Zustand schon eine Entscheidung über die ganze Beziehung treffen musst.
Und dann kann es helfen, erst einmal aus dem Kopf und ein bisschen mehr in den Körper zu kommen. Wenn viel Energie da ist: rausgehen, zügig laufen, Treppen steigen, ausschütteln. Wenn nach der Anspannung eher Erschöpfung kommt: etwas essen, warm duschen, unter eine Decke, schlafen.
Nicht mit dem Ziel, möglichst schnell wieder „vernünftig“ zu sein. Erst einmal geht es nur darum, dass die Aktivierung etwas sinken kann.
Wenn danach die Scham kommt
Und manchmal kommt danach schon die nächste Welle.
Oh Gott. Wieso habe ich das gesagt?
Was, wenn ich jetzt alles kaputt gemacht habe?
Wie konnte ich so hart sein?
Vielleicht schämst du dich dafür, dass du mit Trennung gedroht hast. Dass du mit Türen geknallt hast oder gegangen bist. Oder dass du etwas gesagt hast, das sich jetzt, mit etwas Abstand, viel härter anhört.
Dann kann der Wunsch groß sein, möglichst schnell alles wieder gutzumachen. Eine lange Nachricht schreiben. Erklären, dass du es nicht so gemeint hast. Fragen, ob zwischen euch alles okay ist. Vielleicht sogar etwas zurücknehmen, das dir eigentlich weiterhin wichtig ist.
Auch hier muss vielleicht nicht sofort alles repariert werden.
Du kannst bedauern, wie du etwas gesagt oder getan hast, und trotzdem ernst nehmen, dass etwas dich sehr getroffen hat.
Vielleicht klingt das dann so:
„Was ich vorhin gesagt habe, war hart. Ich war super aufgewühlt. Ich würde gern noch einmal darüber sprechen, wenn ich ruhiger bin.“
Oder:
„In dem Moment hat es sich für mich wirklich so angefühlt, als wollte ich alles beenden. Jetzt möchte ich erst einmal verstehen, was da passiert ist.“
Du musst also weder behaupten, dass du es überhaupt nicht so gemeint hast, noch an einem Satz festhalten, nur weil du ihn in einem sehr aufgewühlten Moment gesagt hast.
Was war direkt vor dem „Dann eben nicht“?
Vielleicht wird mit etwas Abstand genau dieser Moment interessant: Was war da, bevor die Härte kam?
Enttäuschung? Angst? Das Gefühl, nicht wichtig zu sein? Vielleicht auch Scham darüber, wie sehr dich die Reaktion der anderen Person getroffen hat?
Je vertrauter dir dieser Moment wird, desto eher merkst du vielleicht irgendwann schon währenddessen, dass etwas gerade kippt. Und vielleicht reicht es dann für einen Satz wie:
„Das hat mich gerade richtig getroffen. Ich merke, dass ich am liebsten dichtmachen und gehen würde.“
Der Impuls zu gehen ist damit nicht plötzlich weg. Aber zwischen der Verletzung und dem, was du daraus machst, entsteht ein bisschen mehr Raum.
Wenn du diesen schnellen Wechsel von dir kennst
Vielleicht kennst du nicht nur die starke Reaktion, sondern auch das Danach: erst die Härte, später das Bereuen. Erst „Ich brauche dich nicht“, dann die Angst, die Verbindung beschädigt zu haben.
Wenn bestimmte Situationen dich immer wieder stark treffen oder noch lange beschäftigen, kann es interessant sein, genauer zu verstehen, was dort eigentlich passiert. In meinem Coaching können wir uns genau diese Momente anschauen: was dich so stark aktiviert, woran du vielleicht etwas früher merkst, dass dein System kippt, und was dir hilft, wieder bei dir anzukommen.